Mondkuh-Milch

 

Gerade sitze ich auf dem Balkon, es ist der erste warme Maiabend nach der längsten Kälteperiode, die ich je erlebt habe: von Oktober bis Mai lief die Heizung- und das mitten im Klimawandel. Um 22.00 noch im T-Shirt mit Milchcafé an der frischen Luft, bewundere ich den aufgehenden Mond und genieße das leise Vogelzwitschern. Irgendwo muht es, das ist nicht verwunderlich, denn ich wohne recht ländlich. Das abendliche Szenario bringt mich auf die Geschichte der „Mondkuh-Milch“, ohne die wir uns unser Leben heute nicht mehr vorstellen könnten.

 

Vor wenigen Jahren noch kaufte ich regionale Biomilch von der hiesigen Molkerei, vor allem, weil weil sie mir am besten schmeckte, aber natürlich auch aus Gründen des Tierwohls. Heute weiß ich es besser.

 

Es begann vor zwei Jahren mit einer bahnbrechenden Meldung in der Tagesschau und einem darauffolgenden ARD-Brennpunkt, dass die „Mondkuh-Molkerei“ die optimale Milch liefere und alle anderen Milchmarken ab sofort zu canceln sind.

 

Alle Milchprodukte seien von nun an nur noch über „Mondkuh“ zu beziehen, denn das Molkereiverfahren schütze nicht nur das Klima und die Gesundheit der Tiere und Menschen, die Hersteller seien auch in jeder Hinsicht politisch korrekt und moralisch über alle Zweifel erhaben. „Mondkuh“ liefere zudem die in jeder Hinsicht perfekte Milch. Gleich griffen Zeitungen und der Rundfunk die Sensationsmeldung auf, in den sozialen Medien tauchten „Mondkuh“-Profilbilder auf - schnell bildete sich eine Bubble Gleichgesinnter mit entsprechendem Haltungs-Icon und Kuhflecken. #TeamMondkuh trendete wochenlang auf Twitter. Ganz weit oben.

 

In einer breit angelegten Kampagne haben alle gängigen Mainstream-Medien monatelang von der umwerfenden Mondkuh-Molkerei berichtet und vor allem vor den Gefahren gewarnt, die der Konsum jeder anderen Milch mit sich bringt. Experten präsentieren uns in jeder TV-Talkshow ihre Thesen und Studien, C-Promis grinsen uns mit Milchbart gegen fettes Honorar in einer regierungsfinanzierten Videokampagne auf youtube entgegen und schwärmen aus ihrem stylischen Loft von der „Mondkuh“. Am Ende der Clips muhen die GEZ-Stars einmal laut und kehlig, um ihre Solidarität mit der besten Molkerei zu bekunden, die unser Land, ja, die ganze Welt womöglich, je erlebt hat und die unseren Alltag wie keine andere Marke je zuvor revolutioniert.

Die aus unseren Lebensbereichen nicht mehr wegzudenken wäre.

 

Es ist eine neue Bewegung entstanden! Was ist nicht alles passiert:

Menschen entdecken den Wert der Milch, um ihr Weltbild neu zu definieren und endlich selbst Bedeutung zu erlangen: es gibt den „Kuhversteher*innen-Bund", die „milchige Jugend", die „Digitalen Kühe", den "Mondverpetzer", etc.

 

Feministinnen ziehen durch die Straßen und rufen „Mondkühe statt Rindviecher!“, Linke loben die sozialistischen Aspekte der Herdenbildung, Grüne die klimaneutralen und gendergerechten Aspekte der Molkerei. Und wer die Mondkuh kritisiert, ist Nazi.

 

Diese infame Form der Diffamierung ist nicht neu, und der Begriff hat auch keinen Bezug zu Milchkonsum, aber wen interessiert das?

 

Hauptsache, es schreckt Leute ab, am Narrativ zu zweifeln.

 

Das längst der Identitätsfindung dient. Denn es geht nicht nur um Milch, nein! Es geht um die Emotionen, die mit der Marke verknüpft sind und um eine grundsätzlich politische Haltung.

 

Nur wer „Mondkuh“ trinkt, ist gut. Jede andere Molkerei ist moralisch zweifelhaft.

 

Besonders verpöhnt ist die „Happy Kuh“, eine Biomolkerei, deren PR-Mann bei Twitter einen Tweet geliked hat, dessen Verfasser auf einem Instagram-Foto ein T-Shirt einer Firma trug, deren CEO mal mit einem „Mondkuh“- Kritiker Mittagessen war. Seitdem ist „Happy Kuh“ ein Zeichen des Feindes der Mondkuh und somit unserer milchig-solidarischen Gemeinschaft.

 

Nicht nur grinst uns die einfältige Mondkuh auf jedem Werbeplakat entgegen, auch hören wir schon auf der Fahrt zur Arbeit monoton klingende Podcasts von Lebensmittelexperten, die ihren Wert wissenschaftlich untermauern.

 

Und immer wieder Berichte von Betroffenen, die uns vorschwärmen, wie die Mondkuh ihr Leben maximal verbessert hat. Damit sie sich auch wirklich jeder leisten kann, wird über diverse Stiftungen Fundraising betrieben unter dem Motto „Mondkuh für alle“.

 

Betriebe, die in der Kaffeeküche andere Milchtüten stehen haben, werden öffentlich angeprangert, Mitarbeiter, die sich heimlich „Happy Kuh“ - Milch in den Kaffee schütten, werden entlassen; längst gibt es ein Gesetz, das dies für zulässig erklärt, denn eine Abwendung von der Solidargemeinschaft der „Mondkuh“ schädigt das Betriebsklima nachhaltig. Die Kunden würden wegbleiben. "Mondkuhleugner" will schließlich niemand sein, denn das hat schwere Konsequenzen: Geschäftsleute, die sich als solche in den sozialen Medien zu erkennen gaben, bekamen sogar Mitteilungen ihrer Bank, dass ihr Konto gesperrt werden würde.

 

Niemand kann sich dem Wert entziehen, den "Mondkuh" für uns alle hat.

 

Und vor allem nicht der Mondkuh selbst. Manchmal überlege ich mir, wieder „Happy Kuh“- Milch zu trinken, denn ich zweifle doch hin und wieder daran, ob das alles so stimmt, was uns die Medien  darstellen. Alternative Streamer und Blogger verteidigen die „Happy Kuh“ und andere Molkereien permanent, woraufhin eifrig die Zensurmaschine angeworfen wurde.

youtube-kanäle, Journalisten und Social-Media-Accounts werden zahlreich gesperrt.

Noch gibt es meine Biomilch im Kühlregal, verschämt von pflichtbewussten Verkäufern ins untere Regal geräumt bis zu ihrem endgültigen Verbot. Aber immer, wenn ich zu einer anderen Milchtüte greifen will, packt mich mein Gewissen. Allein die Scham an der Kasse, wenn mich die Kassiererin maßregelnd anfunkelt und die anderen Kunden in der Schlange flüstern und böswillig über mich den Kopf schütteln, sobald ich die gesellschaftsschädigende Milchtüte auf das Band packe... schrecklich! Das ertrage ich einfach nicht, also lasse ich es jedes Mal bleiben.

 

 „Mondkuh“ ist halt die Milch der Zukunft, und wer dem widerspricht, stellt sich aktiv und böswillig gegen den Fortschritt. Und das will ich nicht.

 

Nachdenklich erhebe ich mich aus meinem Gartenstuhl, seufze dem Mond ein letztes Mal zu und räume meine Gratistasse mit der Aufschrift „Ich bin Mondkuh“ vom Tisch, die es jetzt einmalig für jeden Kunden in allen großen Supermärkten gibt. Ist doch toll, einfach so, geschenkt. Im Bett werde ich gleich beim Einschlafen, wie jeden Abend, Mondkühe zählen.


 

 

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