Meinungsfreiheit im Schwitzkasten

 

 

Wer sich seiner Meinung sicher ist, braucht die anderer Menschen nicht zu fürchten.

 

Glaubt man meiner These und schaut man sich die erbitterten Diskussionen zu aktuellen Themen an, in denen Leute tatsächlich nur noch ihre eigene Meinung gelten lassen, kommt man ins Zweifeln.

 

Zuerst aufgefallen ist mir das im Jahr 2014, als ich auf Facebook live mitbekam, wie manche Veganer andere wegen ihrer Ernährung angriffen, die sich von ihrer selbstgewählten, sicher auch schweren Abstinenz von Fleisch- und Milchprodukten unterschied. Während sie in meinen Augen zu recht wichtige Kritikpunkte wie die Massentierhaltung ansprachen, und ich damals vermehrt vegane Restaurants ausprobierte, um mir neue Impulse zu holen, schockierten mich Hardcore-Hardliner mit ihrem Missionierungsdrang.

 

Ich selbst wäre nie auf die Idee gekommen, anderen meine Essgewohnheiten aufzudrängen - für mich ist das Privatsache, über die man sich immer interessiert austauschen, aber über die man nicht erbost streiten kann. Und das tun und taten natürlich bei weitem nicht alle, die sich für vegane Ernährung entschieden. Es ist immer nur eine kleine, aber besonders laute und sichtbare Gruppe von Fanatikern, die mit aller Gewalt versuchen, die Deutungshoheit an sich zu reißen. Damals erlebte ich das zum ersten Mal sehr heftig und regte mich auf über diesen konstruierten Meinungskorridor.

 

 Das destruktive Schubladendenken, das wir heute erleben lässt die Extremisten der „veganen Bewegung“ blass, nett und sehr harmlos erscheinen und sie gerieten weitgehend in Vergessenheit. Außer einem, der damals die Szene prominent mit anführte – Attila Hildmann. Heute von Hatern auf Twitter u.a. mit dem Spitznamen „Avocadolf“ bedacht, geriet er im letzten Jahr wegen extremistischer Ansichten, die sich gegen die Regierung mit ihrer Corona-Politik wandten, immer wieder ins Kreuzfeuer der Medien und als Verschwörungstheoretiker nachhaltig in Verruf. Danach standen sogar seine Kochbücher auf dem Index und verschwanden aus den Regalen. Außer bei Thalia, die danach einen wahren Shitstorm erfuhren, da sie sich nicht an der bejubelten Cancel-Aktion beteiligten.

 

Es gibt also neue Narrative, denen man zu folgen hat, glaubt man der Politik und den öffentlichen Medien, die dies publikumswirksam auf allen Kanälen transportieren. Wer es wagt, die Politik der Regierung in Sachen Corona zu kritisieren, bekommt phantasievolle Namen wie

 

 „Coronaleugner“ (wobei ich keinen kenne, der die Existenz des Virus leugnet, sondern die Maßnahmen der Regierung wie Lockdowns in Frage stellt),

 

„Querdenker“ (angelehnt an die Querdenken-Bewegung mit wenigen aktiven Mitgliedern, die Demos für Grundrechte organisierten auf denen zigtausende Menschen demonstrierten, die mit den Organisatoren in keinerlei Verbindung standen),

 

“Verschwörungstheoretiker“ (die noch vor einem halben Jahr z.B. wegen der These, es werde eine Impfpflicht kommen, verlacht und beschimpft wurden),

 

„Nazis“ (immer gern genommen, komplett entfremdet von der ursprünglichen wirklichen, schrecklichen Bedeutung des Begriffs-  heute genügt es, Frau Merkels Politik, z.B. in Sachen Migration zu hinterfragen) oder

 

„Klimaleugner“ (jeder, der anzweifelt, dass Deutschland das Weltklima retten kann und überhaupt nur den Anteil der Menschen am Klimawandel diskutiert).

 

Und das sind nur die prominenten Beispiele einer Sucht, Menschen mit abweichenden Meinungen gezielt zu diskreditieren.

 

Sofern sie abweichen von dem, was uns als „einzige Wahrheit“ verkauft wird in einer Medienlandschaft, die nicht nur ausgewählte Fakten präsentiert, sondern wo in Talkshows die immer gleichen ausgewählten Experten zu Wort kommen, die den Zuschauern gleich mitliefern, wie diese Fakten zu interpretieren sind. Das ist bequem- eigene Recherchen? So überflüssig.

 

Daraus erkenne ich, dass es viele Menschen gibt, die den Prozess der Meinungsbildung selbst gar nicht mehr durchlaufen.

 

Zur Meinungsbildung gehört, sich zuerst selbst zu kennen und zu wissen, wie man tickt. Projiziere ich gerade eigene Gefühle wie Angst oder Wut in Dinge und Menschen und hinterfrage sie nicht mehr, weil mir ein Slogan, eine veröffentlichte Meinung spontan entgegenkommt? Und ich meine kindliche, nie aufgearbeitete Urwut und meine Defizite unter Applaus des Mainstreams auf alle übertrage, die meiner Ideologie widersprechen? Dann gehöre ich plötzlich zu den „Guten“ und ernte für meine Projektion auch noch Anerkennung, die ich so noch nie hatte.

 

Damit ist eine Art Psycho-Droge geschaffen, die einen von sich selbst enthebt und ermöglicht, alles Ungeliebte nach außen zu projizieren.

 

Niemand ist vor Projektionen gefeit, diese sind menschlich. Es ist daher immer hilfreich sich zu fragen:

 

Übernehme ich Dinge einfach so, kritiklos? Und verdränge ich damit die Angst, mich selbst zu hinterfragen?

 

Ich habe zu vielen Dingen eine Meinung, die aber nicht Stein gemeißelt ist, sondern die sich aufgrund neuer Erkenntnisse immer wieder verändern kann. Ich definiere mich nicht über Ansichten zu aktuellen Themen und der Adaptierung von Narrativen, sondern über meine Persönlichkeit und meinen Charakter, ferner Leistung und eigene Entwicklung.

 

Ein aktuelles Beispiel, wie Diffamierung funktioniert sieht man gerade an Hubert Aiwanger, Söders Vize in Bayern, der öffentlich geäußert hat, er wolle sich vorerst nicht impfen lassen. Nicht gegen Corona, nicht mit den bislang zur Verfügung stehenden Impfstoffen. Dies war kein Aufruf an alle anderen, es ihm gleich zu tun bzw. zu unterlassen, es war keine Absage an Impfungen allgemein und es ist vor allem eins: seine ganz eigene Entscheidung.  

Dazu mein Tweet, der mich auch wegen der positiven Resonanz zu diesem Artikel inspirierte:

 

 „Mein Körper, darüber entscheide ich selbst. Das letzte Wort liegt bei mir.“ Gerade dieses Statement von Aiwanger führte zur boshaften Empörung vieler, die noch vor einem halben Jahr alle als „Verschwörungsdeppen“ beschimpften, die ganz richtig voraussagten, es würde eine direkte oder indirekte Impfpflicht – mit Wiederherstellung aller Rechte nur für Geimpfte- geben. Dieselben Aufgeregten schimpfen heute auf alle, die sich nicht ebenfalls impfen lassen wollen.

 

Soweit sind wir also gekommen. Die Absurdität im eigenen Denken wird nicht mehr hinterfragt. Ich respektiere jede Entscheidung über den eigenen Körper und die eigene Gesundheit. Ich schreibe keinem vor, was er in dieser Hinsicht tut und ich treffe meine Entscheidung alleine, unter Abwägung der Risiken. Und ich kenne sehr viele, die sich haben impfen lassen und jedem da durchaus ihre eigene Entscheidung zugestehen und diese wirklich respektieren.

 

Das ist Meinungs- und Entscheidungsfreiheit. Und die brauchen wir in einer Demokratie.

 

Manche Geimpfte fordern hingegen wutschnaubend, alle anderen mögen es ihnen gleichtun, wenn nicht, seien sie Menschenfeinde etc.

 

Die Boshaftigkeit, mit der nun Andersdenkende und Andershandelnde beschimpft werden, war Teil jedes totalitären Systems.

 

Und hier bin ich letztendlich wieder bei den Veganern, obwohl Themen wie Virus und Essgewohnheiten natürlich meilenweit auseinanderliegen, so ist dem radikal-verkürzten Denkprozess doch immer eins gemeinsam:

 

Tue und denke dasselbe wie ich oder du bist mein Feind!

 

Und so kommen wir in einer Welt an, in der es nicht mehr um die Individualität und Freiheit geht, sondern nur noch um Ideologie. Hinterfragen beginnt bei sich selbst.

 

Wenn wir eigene ungeliebte Anteile erkennen, verstehen und integrieren, müssen wir nicht mehr künstliche Feindbilder schaffen und kommen hoffentlich wieder in einer Gesellschaft an, wo man sich zuhört und andere Ansichten respektiert.  

 

 Foto: pixabay

 


 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    cpu_overlord (Samstag, 31 Juli 2021 14:13)

    Im Zeitalter des Atheismus dienen andere Themen als Religionsersatz. Missionierungsdrang, ideologische Scheuklappen, Verfolgung Andersdenkender: alles schon mal da gewesen. Die Menschen tappen immer wieder in die gleiche Falle die uns die schlimmsten Kriege und die Vernichtung ganzer Kulturen eingebracht hat. Diesmal ist es schlimmer, da die unterschiedlichsten Themen als Glaubensfundament her halten müssen. Früher gab es ein Buch und eine Instanz im Vatikan die den Menschen gesagt hat wie der Hase zu laufen hat. Heute regieren Geltungsbedürfnis und Likes. Jeder findet für seine peinlichsten Gedanken ein Forum und traut sich dort den Müll aus der Birne abzulassen den er sich vor 20 Jahren noch nicht einmal getraut hätte im stillen Kämmerlein zu denken. Die Bestätigung durch andere führt zu noch mehr Müll. In einer Zeit wo jeder eine Stimme hat hört niemand mehr zu. Traurig.