Böse Demo, gerechte Gewalt?

 

Die Demonstration für "Für Frieden, Freiheit und Grundrechte", die von der Berliner Polizei verboten und deren Verbot das Oberlandesgericht bestätigt hatte, auf der gestern dennoch tausende Menschen demonstrierten, war eine Zäsur.

 

Die Grenze, die dort überschritten wurde, ist die zwischen einer Gesellschaft, in der friedliche Demonstrationen selbstverständlich sind und einer, in der regierungskritische Demos verboten und mit aller Härte bekämpft werden.

 

Gewalt, die nicht nur zarte Gemüter erschüttert.

 

Die Bilder sprengen alles, was ich mir je in einer demokratischen Gesellschaft hätte vorstellen können. Im Internet kursieren Szenen, in denen Frauen, ältere Menschen, junge Menschen von der Polizei willkürlich aus der Menge herausgegriffen und mit brutaler Gewalt zu Boden geworfen, teils minutenlang dort festgehalten und mit Faustschlägen traktiert wurden.

 

So geht man nicht mit Menschen um. Darüber sollten sich alle einig sein, ob sie für oder gegen diese Demo sind.

 

Mich haben die Bilder nachhaltig schockiert- mein Brustkorb wurde enger, der Atem stockte mir gestern mehrfach, wenn ich z.B. sehe, wie eine zierliche Frau, die nichts tat, außer dazustehen, von einem Polizisten am Hals gepackt und zu Boden geschmettert wird. Und ich erkenne die Welt nicht mehr, von der ich doch bis vor kurzem dachte, ein produktiver Teil davon zu sein, und wusste, meine Meinung zählt nicht mehr oder weniger als die von anderen.

 

Solche Szenen kannte ich bislang nur aus dem Ausland, worüber unsere Mainstream-Presse gern und oft berichtet, wir z.B. aus Weißrussland, was natürlich wichtig ist. Im eigenen Land aber sind Regierungskritiker allesamt gefährliche „Querdenker“, denen mit aller Härte zu begegnen ist.

 

Hass ist mir fremd; ich versuche zu verstehen, was Menschen dazu bewegt, in Extremismus abzudriften und beobachte diese Gesellschaft dahingehend mit Sorge. Was mich schockte an den Reaktionen ist die Gleichgültigkeit vieler, die denken: ‚soll die Regierung doch machen, sie hat schon recht, und wer sich dagegen stellt ist böse!‘.

 

Das macht Leute plötzlich zu den „Guten“, egal was sie bislang geleistet haben und unabhängig von ihrer Persönlichkeit. Eine einfache Flucht vor sich selbst, wie jede Droge.

 

Unfassbare Häme auch derjenigen, die langsam merken, etwas ist faul im Staate, hier läuft was grundlegend schief, und die sich aus Stolz und Eitelkeit nicht eingestehen wollen, dass sie irren. Sie beschimpfen alle, die ihre Zweifel nähren.

 

Wenn jeder, der Narrative in Frage stellt, zum Staatsfeind mutiert, denke ich an Erzählungen aus Diktaturen, von denen Deutschland immerhin schon zwei in einem Jahrhundert hatte - und die malignen Mechanismen der Radikalisierung sich doch immer zu wiederholen scheinen.

 

Es geht mir nicht um Schwarz-Weiß-Malerei, darunter leiden wir ja alle gerade, auch nicht um oder Polizei-Bashing. Bis letztes Jahr lösten Polizistinnen und Polizisten als Vertreter des Rechtsstaats, die mir auch schon selbst bei erlebten Belästigungen freundlich und unterstützend zur Seite standen, in mir ein spontanes Gefühl der Sicherheit und Beruhigung aus. Dies hat sich leider fast ins Gegenteil verkehrt.

 

Mich treibt aber die Frage um:

 

Wie konnten wir so weit kommen, dass Menschen die gewalttätigen Übergriffe auch noch bejubeln und beklatschen?

 

Die Jubel-Kommentare zur Polizeigewalt im Internet waren so abgründig primitiv und infam, dass mir die Spucke wegblieb.

 

Privatleute, die keinen Auftrag vom Staat haben, in eine Demo einzugreifen, die auf dem Sofa saßen und sich hämisch gefreut und eifrig getwittert haben, wie harmlos und gerechtfertigt es doch sei, wenn Menschen, die eine andere Ansicht haben als sie, körperliche Gewalt erfahren- sie hatten gestern Feiertag. Schließlich war die Demo der „Schwurbler“ ja verboten, da müssen halt auch ältere Leute damit rechnen, am Kragen über den Gehweg gezerrt zu werden. Ist doch klar.

 

Wieder sah ich keine „Rechtsradikalen“, sondern Menschen wie du oder ich, die für unsere Grundrechte auf die Straße gingen, quer durch alle Parteien. Linke, Bürgerliche, Liberale und sehr viele, die sich zu gar keine Partei oder Bewegung zählen, so wie ich.

 

Dass ein Staat etwas entscheidet, womit die „Bürger“, die für die gewählten Politiker „bürgen“ sollen, nicht einverstanden sind, das kann passieren.

 

Dann gehen wie in Paris womöglich Hunderttausende gegen Impfpflicht und Gesundheitspass auf die Straße und rufen im Chor „Macron démission!“ (Rücktritt Macron!)

 

Diese einträchtige, riesige Menschenmenge ließ mein Herz sofort höher schlagen- komme ich doch von der französischen Grenze und kenne die Mentalität der Franzosen, wo jeder Trip nach Straßburg (und sei es mit dem Fahrrad zum Shoppen) ein kleiner Urlaub von Deutschland war. Womit ich damals keine Probleme hatte, obwohl meine Mentalität eher eine Mischung aus Amerikanerin und Französin ist. Polizisten sah man auf den regierungskritischen Demos in Frankreich kaum, sie hätten auch gegen diese Riesenansammlung friedlicher aber entschlossener, mental und kognitiv wacher Menschen gar keine Chance gehabt.

 

Was für ein Gegensatz zu Berlin. Ob dies nun normale Polizei war oder speziell eingesetzte, aufgepeitschte gewaltbereite Ordnungstruppen -was ich nicht weiß- so viel schlimmer finde ich den Mangel an Zusammenhalt unter den Menschen. Gerade, wenn es darum geht, dass jeder unbehelligt demonstrieren darf.

 

Ich will, dass jeder demonstrieren kann, ich will auch mal den Kopf schütteln über Demos für Themen, die mir seltsam vorkommen oder denen ich nicht zustimme.

 

Nie aber würde ich jemandem den Mund verbieten wollen!

 

Wissen die Verteidiger der Polizeigewalt denn nicht, dass ein Staat, der „Andersdenkende“ mit aller Härte bekämpft, auch jederzeit die Denkrichtung bestimmen kann, die gerade offiziell genehm ist?

 

Und dass die Richtung jederzeit drehen kann, wann immer es dem Staat beliebt? Die aktuelle Kuschelecke „Akzeptierter“, die gerade vom System bestärkt wird, kann jederzeit -mit Wasserwerfern- überflutet werden. Und auch auf der Titanic standen am Ende noch Passagiere mit Schampus in der Hand bei der Band, als das Schiff schon am Versinken war.

 

Der virtuelle Applaus von Leuten, die jede Menschlichkeit verloren haben, die meiner Meinung nach psychisch gestört sind und ihren Hass auf sich selbst nach außen transportieren, ist ein Symptom der Erkrankung unserer Gesellschaft. Hier ein paar Beispiele jener, die gestern feixten:

 

 

Und immer wieder, etwas gesitteter, die Relativierung der Polizeigewalt – es sei ja nichts passiert und die Teilnehmer seien selbst schuld. Stimmen aus einer selbstgefälligen Kuschelecke, in die man sich verkriecht, um zu den Gerechten zu gehören, weil Politik und Medien einen gerade dazu zählen. Also jetzt gerade- denn wer weiß, was morgen ist.

 

Ein Kommentar eines Ressortleiters der „Welt“ ging mir hier besonders unter die Haut. Er verdeutlicht in meinen Augen die Rolle der öffentlichen Presse. Zu einem Video, das zeigte, wie vorbeilaufende Menschen von der Polizei brutal auf die Straße geworfen werden, fiel ihm das hier dazu ein:

 

 

Ich kann diesen Kommentar nur für sich stehenlassen - mit der Kälte und Selbstgerechtigkeit aus Redaktionen, die sich zu Claqueuren der Regierung degradieren, statt ihre Rolle als vierte Gewalt auszuüben, die Herrschende zu kritisieren und in Frage zu stellen hat.

 

Ginge es um Hygienevorschriften, hätte es auch keinen CSD geben dürfen, denn dort wurden, unter hohem Lob des Themas der Demo, schon letztes Jahr diese weitgehend nicht eingehalten, wie wiederholt beim letzten. Dennoch wurde hier nicht eingeschritten. Homosexuelle, Diverse, Transsexuelle etc. konnten unbehelligt in Massen auf die Straße gehen. Was ich ihnen aus vollem Herzen gönne und was ich unterstütze, ohne Teil ihrer Community zu sein. Hygienevorschriften spielten dort eben so wenig eine Rolle wie Demos gegen „Mietendeckel“ oder „Black Live Matters“. Aber: Es geht offenbar nicht um ein Virus und die Gefahr der Ausbreitung, es sei denn, das Virus heißt Selbstbestimmung und Meinungsfreiheit.

 

Wenn die eigene Meinung derart fragil, weil unterentwickelt ist, dass sie allein auf Medienpropaganda beruht, befriedigt es einen, wenn diejenigen, die dem widersprechen, mit allen Mitteln mundtot gemacht werden. Dann muss man sich selbst und sein aufoktroyiertes Weltbild nicht hinterfragen.

 

Der Weg, der uns aus der Misere führt, ist Eigenverantwortung in jeder Hinsicht. Es scheint ein langer Weg dorthin. Aber viele gehen ihn bereits und es werden immer mehr.

 

Und das ist, was zählt, denn wie Erich Kästner richtig sagte:

 

"An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern."


 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    nos (Dienstag, 03 August 2021 08:48)

    ein gesunder staat hat nie angst vor seinen bürgern/innen
    er begleitet sie, schützt sie, respektiert sie als individuum und fördert freiheit , gleichheit und selbstfindung
    ein ungesunder staat schickt prügler/innen zur unterwerfung der freiheit, gleichheit und des individuums.