Unsere Zeit und die DDR- eine Umfrage

 

Leben wir gerade ähnlich wie in der DDR? Erinnert die aktuelle Zeit an dunkle Perioden unserer Geschichte? Das wollte ich von Zeitzeugen wissen.

 

Oft habe ich in letzter Zeit in den sozialen Medien gelesen, dass unsere aktuelle Lage viele an die DDR erinnert. Da ich selbst, bislang zumindest, keine Diktatur-Erfahrung habe, startete ich auf Twitter eine Umfrage, die sich an Ex-Bewohner der DDR richtet. Die Antworten haben mich zum Teil überrascht - aber lesen Sie selbst.

 

Ich bin froh, so heterogene Follower zu haben, die aus allen Parteien, allen Glaubensrichtungen kommen, die jeden Alters sind und mit dem unterschiedlichsten beruflichen wie sozialen Background. Die Twitter-Umfragen sind zwar nicht zahlenmäßig repräsentativ, aber sie ergeben doch ein aufschlussreiches Stimmungsbild. Was sich mir vermittelt, fasse ich hier zusammen, allein um die Offenheit der Beteiligten zu würdigen und anderen einen Einblick zu geben, welche Gefühle und Gedanken diese Zeit in den Menschen hervorruft.

 

Die Umfrage, die auch meinen persönlichen Eindruck wiedergab, der durchaus irren kann, lautete:

 

Wer hat den Niedergang der DDR dort miterlebt? Erkennt Ihr Parallelen zu dem was heute hier stattfindet? Lobhudelei für die Staatsoberhäupter, scheinbar die Masse auf Linie, aber immer mehr kritische, ablehnende Stimmen im Volk? Nachzulesen hier.

 

Darauf antworteten mir rund 260 Menschen. Was ich erwartet hatte war: Zu lesen, das damals alles viel schlimmer war; eingesperrt hinter einer Mauer leben zu müssen, immer im Bewusstsein, gleich dahinter leben die Menschen in Freiheit. Alltägliche Bespitzelung, Verhaftungen von „Systemfeinden“, Rede- und Denkverbote, wobei erstere sofort geahndet wurden. So war mein bisheriger Eindruck von der DDR.

 

Zumal ich eine beeindruckende Dame kenne, von der ich damals in der Theater-AG sehr viel lernte, eine lebensfrohe, kritische Dramaturgin, die als junge Frau in der DDR im Gefängnis saß. Nicht, weil sie irgendein Verbrechen begangen hatte, sondern weil sie sich mehrfach systemkritisch geäußert hatte. Manchmal erzählte sie uns davon und das machte mir eins deutlich klar: Sowas will ich nie erleben!

 

Umso sprachloser wurde ich, als ich in den Kommentaren las, dass sehr viele Zeitzeugen die heutige Zeit als noch viel extremer und schlimmer erleben.

 

Der Zusammenhalt unter den Menschen sei größer gewesen in der DDR, dies Empfinden wiederholte sich oft in den Aussagen. Es gab damals eine erstrebenswerte Alternative, den „freien Westen“, der heute in dieser Klarheit fehlt. Für meine Eingangsthese, der Widerstand im Volk würde wachsen, erntete ich viel Unverständnis. Dem sei nicht so: Das Bewusstsein der Menschen sei heute bei weitem nicht so gewachsen, dass sie etwas verändern wollten. Heute gehe es den Menschen ungleich viel besser, und die Situation sei global und nicht nur national zu betrachten.

 

Eine Gemeinsamkeit mit damals sei, dass die öffentlichen Medien weitgehend gleichgeschaltet waren und die Realität der Menschen nicht mehr abbildeten. Ungleich größer sei heute die Spaltung, die sich durch die Gesellschaft zieht.

 

 

Wer dort aufgewachsen ist, wuchs quasi in das System mit hinein, wie ein Follower über sich schrieb, und kannte es nicht anders. Andere Stimmen meinen, dass es uns heute noch viel zu gut geht – der Leidensdruck in der DDR war scheinbar viel größer. Einige merkten auch an, dass es 40 Jahre dauerte, bis sich der Widerstand deutlich zeigte. Eine klare Aussage wie „Nein, heute ist alles viel besser!“ vermisste ich auch bei wiederholtem Nachlesen.

 

Damals gab es ein Redeverbot mit der Begründung „Diese Worte nützen dem Klassenfeind“, heute gäbe es dasselbe umgeändert in „Das darf man nicht sagen, das nützt den Rechten“.

 

Das dürfte nun vielen bekannt vorkommen - das Framing, dass heute in den Medien omnipräsent ist, um jede kritische Stimme zu unterdrücken und zu diffamieren. Dass die CDU unter Helmut Kohl als „rechts“ galt und die SPD als „links“ und beides legitime politische Richtungen sind, haben die meisten schon vergessen. Der Unterschied zwischen rechtsradikal und rechts wird öffentlich nicht mehr vorgenommen. Es gibt nur noch den Mainstream und, sobald davon abweichend, „Feinde“.

 

Klar erkennbar war für mich bei den meisten, die die sozialistische Diktatur am eigenen Leibe erfuhren, die Sorge und das Unbehagen, vieles heute wiedererleben zu müssen. Die Wachsamkeit für totalitäre Strukturen ist bei denen am größten, die Ähnliches bereits erlebt haben.

 

Was ich mit leichtem Neid las, war die Schilderung des Zusammenhalts in der Gesellschaft damals im Osten.

 

Heute sind wir in so viele Gruppierungen unterteilt, die suchenden Menschen ohne Halt ideologische Richtungen vorgeben, über die sie sich definieren, dass eine Einigkeit kaum spürbar ist.

 

Bekannte erzählten mir allerdings auch fernab der Umfrage, dass in deren Empfinden an den Montagsdemonstrationen gar nicht die große Menge der DDR-Bürger teilnahm, sondern sich die meisten ganz wohlfühlten und eben nicht in Aufbruchsstimmung waren, um sich aus dem System zu befreien.

 

Ich selbst erlebe gerade, dass regierungskritische Menschen ihren Job verlieren, dass ihnen die Bankkonten gekündigt werden, dass Provider abspringen, um investigativen Journalismus zu verhindern. Oder dass bisher beliebte und sehr bekannte Prominente wie zuletzt Jan Josef Liefers, Nena oder Til Schweiger diffamiert und durch den Spießrutenlauf der Medien gehetzt werden, weil sie entweder die Corona- Maßnahmen kritisierten oder auch nur einmal mit einem kritischen Journalisten Boot fuhren.

 

Oder dass friedliche Demonstranten brutale Polizeigewalt erfahren, wie am vergangenen Sonntag in Berlin, dass die schockierenden Szenen im Ausland für Empörung sorgen und sogar das Interesse eines UN-Sonderberichterstatters für Folter hervorrufen, wie daraufhin geschehen.

 

Nein, ich denke nicht, dass wir schon in einer Diktatur leben. Aber das Eis ist dünn. Kein totalitäres System ist genau wie das andere. Was sie alle gemeinsam haben ist, dass sich viele auf der Seite des „Guten“ wähnen, wenn sie rückhaltlos dem Mainstream folgen und alle andere diffamieren, die nicht „auf Linie“ sind.

 

Ich danke allen, die an dieser Umfrage teilgenommen haben und mir ermöglichen, mir einen Eindruck zu verschaffen, der über meinen Erfahrungshorizont hinausgeht. Bitte schreiben Sie mir auch gern Ihre eigenen Erlebnisse.


 

 

Ich freue mich, wenn Sie meine Artikel kommentieren und teilen! Und natürlich, wenn Sie meinen Blog abonnieren und meine Arbeit unterstützen. 

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