Alltag in der Krise – Menschen unmaskiert

 

Ich beobachte gern Menschen und komme mit ihnen ins Gespräch. Seit Anbeginn der Krisenzeit, die geprägt ist von Lockdowns, Einschränkungen und Schreckensmeldungen, erleben viele Menschen eine bislang unbekannte Isolation. Sie haben viel zu erzählen.

 

Oft wurde ich während des letzten Jahres überraschend angesprochen, an der Bushaltestelle oder auf offener Straße. Von Menschen, die offensichtlich einsam sind, mit großem Redebedarf. Was umso überraschender für mich war, da ich sehr ländlich wohne, die Menschen hier zurückhaltend, ja eigenbrötlerisch sind und es ihnen fernliegt, Kontakt zu Fremden zu suchen oder überhaupt nur die Nachbarn zu grüßen. Und ich auch äußerlich jetzt nicht so auffällig bin, dass mich jeder automatisch bemerkt. Die neu erlebte Offenheit hat mich umso sehr berührt.

 

Hier möchte ich diesen Menschen, die wohl weder soziale Medien nutzen oder Blogs lesen, eine Stimme geben.

 

Als die Restaurants und Kneipen zu hatten, konzentrierte sich das soziale Leben oft in den paar großen Supermärkten im Umkreis und es gab bemerkenswerte Szenen.

 

Einmal stand ich an der Kasse, als ein kleines Mädchen sich an mich herandrängte. Ich drehte mich um und lächelte es an. Die Mutter zog es sofort sanft zurück, ermahnte es leise mit den Worten: “Du sollst doch Abstand halten“, und zu mir: „Entschuldigung!“ Ich antwortete: „Nein warum, kein Problem…“ Die Mutter, leicht verschämt: “Naja, manche sind da ja so streng…“ Ich entgegnete mit einem herzlichen Lächeln: „Ich gehöre zu den anderen!“

 

Widerlich war die Debatte mit einem Kassierer in einem großen Discounter.

Sie geschah, kurz nachdem letztes Jahr die allgemeine Pflicht, beim Einkaufen eine medizinische Maske zu tragen, verkündet wurde. Ich wusste davon noch nichts und trug weiterhin wie viele, ein Stofftuch. Beim Bezahlen meinte der recht junge Mann in herrischem Ton, dass ich mir eine FFP2 Maske zulegen müsste. Was natürlich Blödsinn ist, eine OP-Maske reicht bis heute aus. Ich nickte ihm zu und wollte schnell bezahlen. Damit wäre es an sich gut gewesen.

 

Er aber stoppte das Band, baute sich hoch in seinem Sitz auf und begann eine belehrende Ansprache, als er merkte, ich reagiere nicht unterwürfig genug. „Das sind die Regeln, die müssen Sie einhalten, sonst können Sie hier nicht mehr einkaufen! Dann müssen Sie wieder gehen!“ „Ja, das habe ich verstanden“, entgegnete ich bemerkenswert ruhig und schenkte ihm einen mitleidig-abfälligen Blick, ob seiner Aggression und seines Feldwebel-Gebarens. Was ihn erst so richtig zu Hochtouren auflaufen ließ. Er selbst hinter der Plexiglasscheibe trug selbst keine Maske. Weil die Scheibe ja nur auf der einen Seite schützt, was logisch ist.

 

„Sie müssen das begreifen!“ Ich: „Ich begreife, dass ich für Ihren Frust nichts kann. Und jetzt lassen Sie mich bezahlen, oder ich lasse alles hier stehen!“ Grummelnd kassierte er weiter, zumal die anderen Leute schon ungeduldig wurden. Mir ging es nicht darum, dass ich hier auf Regeln hingewiesen wurde, egal wie sinnvoll. Das müssen die Mitarbeiter sicher machen, zumal dies damals eine sehr frische Norm der Regierung war.

 

Was meinen Blutdruck in die Höhe trieb, war die respektlose, unverschämte Tonart in der sich der offensichtliche Drang zeigte, sich endlich einmal über andere zu erhöhen. Um Respekt zu erfahren, den er sonst nicht bekommt.

 

So offenbart diese Zeit Charakterzüge und Blockwartmentalität, die in dieser Form sonst kein Ventil gefunden hätten.

 

Leute, die anderen im Supermarkt hinterherlaufen und sie anpöbeln, wenn deren Maske nicht richtig sitzt oder fehlt, und die auch noch die Kassiererin aufstacheln, diese "Verbrecher" sofort hinauszuwerfen-  auch hier zeigt sich die kleine Persönlichkeit. Genau so habe ich es schon beobachtet. Es mag die geschürte Panik sein vor einem Virus. Angst verstehe ich, auch wenn sie irrational ist.

 

Oft jedoch hatte ich den Eindruck, hier geht es um die eigene neue Wichtigkeit als Denunziant.

 

Die Hoffnung, Applaus zu bekommen, weil man sich systemtreu zeigt. Und das jenseits von Twitter und Co., wo Aggressionen tagtäglich in anonymer Verkleidung in Hass ausarten.

 

Aber zurück zu den schönen Begebenheiten: Eines Tages stand ich an der verlassenen Bushaltestelle, hatte wie so oft Handy nicht mit und da die Busse hier selten fahren, fragte ich ein Mädchen mit Schulranzen, das auch wartete, nach der Uhrzeit. Sie reagierte sehr nervös. „Ich habe mein Handy in der Schule vergessen. Schon wieder! Aber das ist okay, es wird schon nicht geklaut. Aber trotzdem doof.“ Dann zeigte sie mir ihren Arm, auf dem kleine rote Pünktchen, ein Hautausschlag sichtbar war. „Schau mal, das habe ich jetzt immer öfter.“

 

Ich fragte sie, wie es denn in der Schule so sei gerade, ob viel ausfällt. Sie erzählte mir dann, dass sie gerade aus einem Extra-Nachmittagsunterricht kam für die Kinder, die sich jenseits des Online-Unterrichts treffen wollen.

 

Und dass sie den normalen Unterricht vermisst. Ich hörte ihr zu, sie erzählte weiter von der frischen Trennung ihrer Eltern, dass ihr Vater mit seiner neuen Frau sich nicht mehr für sie interessiert. Ich war tief berührt. So ein waches, intelligentes Kind, das offenbar gerade viel erlebt, lässt mir, einer fremden Frau, die Ehre zu teil werden, ihr zuzuhören. Die Situation in der Schule war für die Zehnjährige eine Belastung in dieser Krise, sie vermisste zumindest dort die gewohnte Normalität.

 

Ich fragte sie, ob sie denn dort eine Maske tragen müsse. Ihre bedrückt klingende, aber tapfer-entschlossene Antwort: “Nein, und dann würde ich auch nicht mehr hingehen!“. Ich war von diesem hellwachen Mädchen so gerockt, dass mir das Gespräch noch lange nachhing.

 

Ein anderes Mal sprach mich ein junge Frau an, ob ich sie in den Supermarkt begleiten könne, aus dem ich selbst gerade kam. Sie wirkte sehr ängstlich. Seit Corona gehe sie gar nicht mehr unter Menschen wegen ihrer Ängste, ihre Therapeutin würde sie nur regelmäßig rabiat zusammenfalten, sie solle sich endlich überwinden. Ich war geschockt von diesem Verhalten, mit denen offensichtlich psychisch labilen Menschen hier von "professioneller" Seite begegnet wird. Natürlich ging ich mit ihr zurück und begleitete ihren Einkauf, worüber sie sehr erleichtert war.

 

Die Hemmschwelle sinkt, das kann man überall beobachten. Bei den einen, um gute Kontakte zu knüpfen, sich Hilfe zu suchen, was großartig ist, und bei anderen, um ihrem Frust freien Lauf zu lassen.

 

Eine ältere Frau mit Gehhilfe sprach ich selbst an. Die Dame keuchte bei 30 Grad mit einer FFP2 – Maske über die Straße, sie konnte offensichtlich kaum laufen und auch kaum atmen. „Entschuldigen Sie - Sie wissen, dass Sie hier draußen keine Maske tragen müssen?“ Sie entgegnete: “Ja, ich weiß…aber das ist wegen der Mutierten aus Afrika. Die sind gefährlich!“. Und sie keuchte entschlossen weiter, an mir vorbei. Sie tat mir leid. Was hatte sie denn da gerade gehört oder gelesen?

 

Um die ländliche Einöde zu verlassen, bin ich neulich nach Berlin gefahren. Dort traf ich mich mit netten Leuten die ich bisher nur virtuell kannte was mir große Freude machte, zu tollen Gesprächen führte, was ich mir erhofft hatte, und meinen Horizont und Bekanntenkreis bereicherte und vergrößerte. Das Überraschende: auch Fremde waren dort sehr offen und freundlich. In einer der meist-gedissten Städte, wo ich selbst bislang fast nie war, atmete ich innerlich auf. Allein die spontane Größe, Geschäftigkeit und Offenheit waren eine reine Wohltat für meine Seele. Auch wenn ich weiß, dass Anwohner diese Stadt komplett konträr erleben aus guten Gründen- ich war halt einfach mal nur Touristin.

 

Mit meinem mangelhaften Orts-Orientierungssinn verirrte ich mich oft und musste dann Leute nach dem Weg fragen. Dort erzählten mir Fremde viel über die Stadt, offen und herzlich auch lange über ihr eigenes Leben, und ich freute mich. Ich war selbst, obwohl Fremde, nie allein und fühlte mich pudelwohl. Ein freundlicher älterer Herr, den ich nach einer S-Bahn fragte, hielt sogar andere Passanten an, um sich für mich nach der richtigen Route zu erkundigen und lernte dabei eine nette Frau seines Alters kennen, mit der er im Gespräch blieb, auch nachdem ich eingestiegen war. Das war großartig.

 

In der Zeit des Umbruchs zeigt immer mehr, wes Geistes Kind die Menschen sind.

Die äußere Maskenpflicht hat den Menschen ihre inneren Masken weggerissen.

 

Die einen suchen Nähe und Verständnis, Gemeinsamkeit, die anderen toben, getragen vom System, rückhaltlos ihre inneren Neurosen und Komplexe  aus.

 

Die Spreu trennt sich derzeit  vom Weizen. Und ich denke, das ist gut und wichtig – so lernen wir uns und die Menschen um uns herum kennen. Und finden genau die Menschen, mit denen wir im Gespräch bleiben wollen.

 

Titelbild: pixabay/geralt


 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Anne Moebus (Sonntag, 08 August 2021 20:20)

    Danke.