Erich Kästner- was wir heute von ihm lernen können

 

Erich Kästner war ein Menschenkenner, ein echter Moralist ohne erhobenen Zeigefinger, Lyriker und Gesellschaftskritiker. Sein klarer, kritischer Blick auf Gesellschaft und Menschen faszinieren mich seit der Kindheit. Die Kluft zwischen Arm und Reich, die er liebevoll und versöhnlich löste, indem sich die Kinder anfreundeten wie bei „Pünktchen und Anton“, der Gemeinschaftssinn im „Fliegenden Klassenzimmer“ oder in „Emil und die Detektive“, in warmen, unterhaltsamen Tönen erzählt –  einzigartig.

 

Als Jugendliche eröffneten mir seine zeitkritischen Gedichte und Prosa neue Perspektiven, beleuchten sie doch den einzelnen Menschen vor seinem sozialen und gesellschaftlichen Hintergrund.

 

Auch heute sind seine Worte aktuell. Wir leben in einer Zeit des Umbruchs: Viele haben in den letzten eineinhalb Jahren privat, persönlich und beruflich schwerste Erschütterungen erlebt. Und auch die Zukunft bleibt ungewiss, da sie von einer Regierung abhängt, die hinsichtlich ihrer Entscheidungen zunehmend an Vertrauen verliert. Unruhen nehmen zu. Oft zitiere ich heute besonnene Worte des Widerständlers:

 

„Was immer auch passiert, nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken.“

 

Kästner schaffte es auch neulich wieder in die Medien- allerdings wurden dort nicht seine Leistungen gewürdigt, nein: In München-Schwabing sollte eine Straße mit seinem Namen umbenannt werden. Das Münchner Stadtarchiv erstellte eine Liste mit 320 Straßennamen, bei denen es einen „Erläuterungsbedarf durch zusätzliche Beschilderung“ geben könnte.

 

Was könnte man nun gerade ihm, der miterlebte, wie Nazis seine Bücher verbrannten, heute vorwerfen? Das Argument war wohl, er habe Deutschland damals nicht verlassen - dachte man etwa, er hätte sich dort vor der Asche seiner Bücher mit seinen Feinden verbrüdert? Als ich das las, war ich fassungslos- was für ein Unsinn. Nun bleibt zwar der Straßenname, aber bei mir bleibt auch ein Fragezeichen. War es vielleicht eine intuitive Bauchentscheidung, einen so scharfzüngigen Zeitkritiker als suspekt einzustufen, weil es heute schon Reflex ist, kritische Geister als gefährlich und grundlegend böse zu sehen? Aber nein, das waren nur meine spontanen Gefühle, wahrscheinlich irre ich.

 

Warum Erich Kästner damals blieb,

erzählt er sehr offen in einem Artikel, den er für das Jugendmagazin „Pinguin“ verfasste. Diesen fand ich in seinem Band „Der tägliche Kram- Chansons und Prosa 1945-1948“ (1989 dtv, erstmalig erschienen 1948 im Atrium Verlag Zürich) im Kapitel „Über das Auswandern“.

Mit 16 habe ich mir das Taschenbuch gekauft, und schlage auch heute immer wieder darin nach.

 

 

Die Einführung: „Januar 1947, Pinguin‘. Der Schwarzhandel blühte immer üppiger. Ehrliche Arbeit lohnte immer weniger. Das Wort ‚auswandern‘ wurde zum epidemischen Verbum. Um durch Diskussion ein wenig Klarheit und Überblick zu verschaffen, eröffnete ich mit dem folgenden Beitrag eine Umfrage...“

 

1933, am Tag als der Reichstag brannte, traf Kästner in Zürich ein…

 

„Am selben Tage, an dem, vor nun fast vierzehn Jahren, in Berlin das Reichstagsgebäude brannte, traf ich, aus Meran kommend, in Zürich ein, wohin mir ein deutscher Verleger entgegengereist war. Er gab mir den Rat, in der Schweiz zu bleiben; und einige seiner Kollegen, die bereits emigriert waren, Anna Seghers befand sich darunter, teilten seine Meinung.“

 

Mit seinem Entschluss, trotzdem nach Deutschland zurückzukehren, stieß er auf Unverständnis und es gab lebhafte Diskussionen. Zurück in Berlin, versuchte er, weitere Gesinnungsgenossen von der Flucht abzuhalten. „Ich beschwor sie zu bleiben. Es sei unsere Pflicht und Schuldigkeit, sagte ich, auf unsere Weise dem Regime die Stirn zu bieten.“

 

Beim Lesen bekam ich Gänsehaut, denn in Diskussionen und Gesprächen äußern Menschen auch heute immer öfter ihre Pläne und Wünsche, aus Deutschland auszuwandern. Andere wollen bleiben, um hier die Dinge zu verbessern. Letztere verwenden, ohne es zu wissen, sogar ganz ähnliche Worte wie damals Kästner.

 

Die Entschlossenheit, mit der er an andere appellierte, bereute Kästner später zutiefst: „Sie hörten nicht auf mich. Hätten sie auf mich gehört, dann wären sie heute wahrscheinlich alle tot. Dann stünden sie, auch sie, in den Listen der Opfer des Faschismus. Mir wird, so oft ich daran denke, heiß und kalt. Wenn es mir gelungen wäre, auch nur einen einzigen zu überreden, den man dann gequält und totgeschlagen hätte? Ich trüge dafür die Schuld…“

 

Die Moral, die er für sich selbst daraus zog, sollte jeden zum Nachdenken bringen, der anderen seine Meinung und Entscheidungen aufzwingen will- egal, worum es geht:

 

“Warum ich das erzähle? Um anzudeuten, warum ich mir nicht mehr anmaße, anderen Menschen, und wären’s die nächsten Freunde, in wichtige Entscheidungen hineinzureden.“

 

Wie auch immer man zu der Erkenntnis kommt – Entscheidungen anderer Menschen hat man zu respektieren. Wie sehr es heute an dieser Fähigkeit mangelt, wie sehr es unter Applaus des Mainstreams normal geworden ist, anderen die eigene Meinung zu diktieren, würde Kästner das wissen? Er würde wohl die Stirn runzeln. Als junger Mann hatte er das Ideal, mit Gleichgesinnten vor Ort das grassierende Unheil doch noch abwenden zu können. Allein der heutige Gedanke, dies sei verwerflicher als auszuwandern und man müsse deshalb vielleicht seine Straße umbenennen, ist absurd.

 

Er blieb nicht, weil er sich dem Regime anfreundete, sondern um sich ihm entgegenzustellen!

 

Natürlich ist unsere Zeit nicht mit der NS-Zeit oder der Nachkriegszeit mit ihren Entbehrungen gleichzusetzen – jedoch herrscht auch heute eine fundamentale Unsicherheit und Krisenstimmung. Neulich führte ich auf Twitter eine Umfrage durch, was die Leute in Bezug auf „Corona“ am meisten fürchten - die knapp 600 Menschen, die antworteten nannten, wie ich interpretiere, auch mögliche Auswanderungsgründe wie Gefährdung der Demokratie, Unfreiheit auch der Kinder, Meinungsdiktat, soziale und mediale Verfolgung Andersdenkender, Angst vor dem Staat und weiterer Maßnahmen.

 

Beeinflussungsversuche staatlicherseits, medial publikumswirksam kommuniziert, wenn Menschen, z.B. „Geimpfte“ gegen „Ungeimpfte“ offen gegeneinander ausgespielt werden, sind unerträglich. Die Conclusio, die Kästner im zitierten Beitrag aus seinen damals wohlmeinenden Beeinflussungsversuchen für sich zog?

 

„Von einem einzigen Menschen habe ich das Recht, Ideen zuliebe Opfer zu verlangen: Von mir selbst.“

 

Dies mögen sich alle missionierenden Ideologen zu Gemüte führen, ebenso wie alle anderen, die meinen, sie seien im Besitz der "einzig richtigen Wahrheit."

 

Die Menschen kennend und unbeirrt an sie glaubend, hätte er auch heute sicherlich Hoffnung, dass sich mit Ehrlichkeit, Zusammenhalt und Entschlossenheit vieles zum Guten wenden lässt:

 

„Wer wagt es, sich donnernden Zügen entgegenzustellen? Die kleinen Blumen zwischen den Eisenbahnschwellen.“

 

Danke Erich Kästner für deine Weisheit, die zeigt, dass eine kritische Grundhaltung und eine positive Lebenseinstellung keine Gegensätze sind.

 

 


 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Petra (Sonntag, 15 August 2021 14:57)

    Eine Agenda von "Royalen Schauspielern" mit Fake Identitäten in Politik , Wirtschaft , Sport und Showbizz übt eine arglistige Täuschung an der Menschheit aus !

    Actor based reality (Schauspieler basierte Realität) !

    Grüße .....