Querdenker, Streber, Außenseiter - Die Klassengesellschaft

 

Erinnern sie sich derzeit auch so gern an ihre Schulzeit? Die gerade angesichts dessen, was die Kinder heute durchmachen, um so unwirklicher erscheint - als „heile Welt“? Für uns war normal, dass wir Unterricht hatten, zuverlässig Wissen vermittelt bekamen und uns keine Sorgen machen mussten, ob der Schulbetrieb normal läuft.

 

Wie sehr würde ich mir diese, nicht einmal idealen, aber stabilen Zustände für die Kinder heute wünschen. Sicher ist es menschlich, in dieser Zeit des Umbruchs, der Krisen und der Sorgen, sich an die guten Momente der Kindheit zurückzuerinnern. Auch an die grundlegende Sorglosigkeit, an meinen Schulweg durch das kleine Dorf zum Bus, früh morgens, wenn noch weiße Nebel über dem Bach hingen, während die ersten Sonnenstrahlen erstrahlten und glänzende Kastanien zu Boden fielen.

 

Dabei muss ich auch an die ganzen Charaktere aus der Schule denken, wie sie wohl jeder kennt. Gerade machte ich dazu eine Umfrage auf Twitter. Viele erinnern sich auch noch an ihre Schulzeit und ordneten spontan ein, zu welcher Gruppe sie damals zählten.

 

Es gab die Braven, die Ehrgeizigen, die Stillen, die Außenseiter, die Chaoten, die Querdenker und natürlich die Verpetzer.

Die Ehrgeizigen werden fälschlicherweise oft „Streber“ genannt und immer mit „brav und angepasst“ assoziiert. Strebsamkeit allein ist jedoch positiv, denn wie soll man sonst etwas lernen? Wie bei allem zählt auch hier das richtige Maß. Je nach Persönlichkeit bildeten sich in der Klasse Cliquen.

Wie heute im Erwachsenenleben auch.

 

Zu den politischen Parteien schossen gerade in den letzten Jahren immer mehr NGOs, Bewegungen, Vereine, Interessengemeinschaften und Netzwerke aus dem Boden. Die Zielsetzungen sind unterschiedlich - auch innerhalb der Gruppen herrscht keine Einheitsmeinung oder Konformität, es sei denn, nach außen hin.

 

In der Schule steckte das soziale Zusammenraufen noch in den Kinderschuhen, klar sichtbar heute, unter dem Brennglas. Die Schule war der wichtigste Ort der Sozialisation- man lernte, sich in einer Gemeinschaft Gleichaltriger zu behaupten, durch Identifikation wie durch Abgrenzung.

 

Als Kinder wussten wir genau, was Recht und Unrecht ist – auch, wenn wir mit viel Spaß die uns gesetzten Grenzen überschritten.

Schlimm wurde es erst, wenn Lehrer einzelne Schüler gegeneinander ausspielten und Druck ausübten. Durch bessere Noten oder durch lobendes Hervorheben im Unterricht. Ihre Aufsätze vorlesen oder an der Tafel vorrechnen durften dann nur die Lieblinge – nicht, weil andere nicht genau so gute Leistungen erbracht hätten, sondern weil die Erwählten sich so verhielten, wie der Lehrer es sich wünschte. So war für diesen schlicht bequem.

 

Wir kennen das: heutige Anreize, nicht nur für Personen des öffentlichen Lebens, wenn sie den Wünschen der Mächtigen folgen sind z.B. Beförderung, finanzielle Unterstützung, positive Medienberichte, Freundlichkeit und ein kuscheliges „Bubble-Feeling“. Umgekehrt werden jene diffamiert und verfolgt, die es wagen, sich gegen das veröffentlichte Narrativ zu stellen.

 

Außenseiter?

 

Die Rolle des Außenseiters entspricht nur der Persönlichkeit, wenn man sich bewusst von einer Gemeinschaft abgrenzt. Ich war z.B. eine Zeitlang gerne etwas außenseitig. Mit 15 hatte ich meine „ernste Phase“, trug Blazer anstatt Jeansjacke, hörte die „Dreigroschenoper“ statt Popmusik und ging im CDU-Land Baden-Württemberg zu den Jusos. Das war meine eigene Wahl; Freundinnen hatte ich trotzdem, die anders drauf waren und niemand drängte mich, mich zu verändern. Was gerade bei mir „in“ war, bestimmte ich selbst. So wie die anderen auch.

 Viele "Außenseiter", die in der veröffentlichten Meinung heute so gelten, wollen sich aber gar nicht von der Gesellschaft abgrenzen, sondern sich mit eigenen Ideen einbringen um Dinge zu verbessern. Aber man lässt sie nicht mehr ungestraft und ohne negative Einordnung zu Wort kommen.

 

Damals lernten wir: Jeder hat seine eigene Meinung. Ich darf meine Ansichten haben und der Schüler neben mir genauso.

Und wir sollten uns deshalb tunlichst nicht die Köpfe einschlagen.

 

Querdenker

 

Die Lehrerinnen und Lehrer, die ich ehrlich respektierte, waren immer auch gute Pädagogen. Doch nur wenige gab es, die sich außerhalb der Norm der Lehrplanabnudler bewegten, und die mir als tolle Menschen im Gedächtnis blieben. Weil sie die Klasse zusammenhielten, ihr Ego hintenanstellten und für uns das Beste wollten. Ihre Qualitäten waren neben Leidenschaft an der Wissensvermittlung ein großes Maß an Empathie und Out-of-the-Box-Denken.

 

Eigenschaften, die auch jede Führungskraft besitzen sollte.

 

Die „Leib und Seele“- Lehrer hielten sich nicht strikt an den Lehrplan, sondern überlegten sich, wie sie uns zum selbständigen Denken anregen können. Sie hatten auch Themen angesprochen, die gerade aktuell waren, die uns beschäftigten und dazu Hintergrundwissen geliefert- und hatten stets ein offenes Ohr für unsere Probleme.

 

Sie brachten uns bei, selbständig zu denken, Dinge zu hinterfragen und nicht nur auswendig zu lernen. Kurz: böse Querdenker.

 

Das Pendant dazu waren Schülerinnen und Schüler, die interessierte Zwischenfragen stellten, welche tiefer gingen oder wegführten vom direkten Thema. Die meisten der verbeamteten Lehrkräfte fühlten sich dadurch gestört und reagierten knatschig-unwillig. Die guten Lehrer gingen drauf ein.

 

Mitschüler, die möglichst bequem durch den Unterricht kommen wollten, waren verunsichert, wenn sie mal nicht alles im Lehrbuch nachschlagen konnten. Sie wurden nervös, wenn sie plötzlich trotz perfekter Vorbereitung daheim, plötzlich nach ihrer Meinung oder eigenen Interpretationen gefragt wurden. Oft kam wie aus der Pistole geschossen die Frage hinterher, falls ihnen nichts einfiel: „Frau Müller-Meier-Schmidt, ich bekomme jetzt aber keine schlechtere mündliche Note, oder?!“

 

Die Angst, nicht zu gefallen, überwog oft die Lust an eigenen Gedankengängen.

 Dies führte nicht zu Konflikten, solange kein Neid gegenüber jenen aufkam, die sich selbst einbringen konnten. Heute ist diese Toleranz oft nur noch eine schöne Erinnerung.

 

„Drüber naus gemaaalt !!“

 Das rief mir mal ein kleines Mädchen triumphierend im Kindergarten zu.

 Es war keine markante oder gar traumatische Szene, trotzdem bleibt sie mir bis heute farbenfroh im Gedächtnis: Wie mich ein Mädchen im idyllischen Dorfkindergarten beim Bilder ausmalen schadenfroh angrinste, weil mein Buntstift zu weit über den vorgezeichneten Rand gerutscht war. Mir war das nicht so wichtig; umso erstaunter war ich mit vier Jahren, was dieses Kind da neben mir wohl antreibt, sich jetzt derart zu freuen. Wir wurden ja nicht streng beaufsichtigt, bloß nicht über die vorgegebene Linie zu kommen. Ich malte aus Spaß, fand Ausmalbilder sowieso eher langweilig und wollte ein buntes Bild, mehr nicht.

 

Es war so bezeichnend, dies unschuldige, leicht hämische, typisch kindliche Rufen:

Du hast da was nicht nach der Norm gemacht!

Wie oft musste ich schon lächelnd dran zurückdenken, weil es so bezeichnend ist für die Erwartung der Gesellschaft zumindest hier in Deutschland: 'du musst der Norm entsprechen. Frag‘ nicht warum; ist halt so, nützt ja nix.'

 

Und selbst im Gymnasium kam es vor, dass im Kunstunterricht, obwohl es nicht mal eine Note gab und wir etwas zeichnen sollten, ohne dass man uns genau erklärte, wie, Schülerinnen hilfesuchend immer wieder zur Lehrerin aufblickten: “Geht das so?“, „Ist das gut genug?“ Es war damals schon schwierig für manche, ohne genaue Anleitung einfach mal was zu probieren.

 

Pluralismus oder: Wie man sich zusammenrauft

 

Was würde passieren, wenn man sich nun eine Klasse vorstellt, die nur aus Braven besteht und zwei, drei fröhliche Chaoten hineinsetzt? Diese wären zwar sofort Außenseiter, könnten es aber schaffen, die Klasse aufzulockern und charakterliche Eigenschaften der Mehrheit durch Druck ihrer bloßen Präsenz offenzulegen. Wer verpetzt die lauten Störenfriede? Wer kichert verhalten und wirft zum ersten Mal selbst Papierflieger nach dem Lehrer?

 

Vielleicht profitieren manche von der Energie und entwickeln neue Eigeninitiative, ohne gleich selbst zum Störenfried zu werden?

 

Umgekehrt stelle ich mir eine chaotische Klasse vor, die sich mehr für Streiche und Party interessiert als für den Unterricht, wenn plötzlich zwei, drei stille, brave Mitschüler dazu kämen. Würden diese dann weiter still bleiben, sich belächeln lassen, dass sie bei der täglichen Klassen-Party nicht mitmachen? Oder käme vielleicht ihr Durchsetzungsvermögen zum Vorschein, im Sinne von „Jetzt seid doch endlich mal still, wir kriegen nichts mit!“?

 

Das wäre gesunder Pluralismus, der Prozesse zulässt, wie sie auf natürliche Weise entstehen.

 

Würden die Chaoten niemanden gefährden, verletzen oder die halbe Schule zertrümmern, würde ein Lehrer erstmal nicht eingreifen, sofern er genug Nerven besitzt.

Anders in totalitären Strukturen: In der Klasse mit überwiegend Störern, gesetzt, sie entsprächen dem Mainstream, würden die stillen strebsamen Mitschüler so lange von den anderen gemobbt, ihre Eltern solange von den Pro-Chaos-Lehrern unter Druck gesetzt, bekämen das Gefühl, sie seien kein vollwertiges Mitglied der Klasse, bis sie ihre fleißig-unauffällige Art unter Zwang aufgeben und sich stattdessen durch Lautstärke beweisen- so wie die anderen.

Den Störern in der braven Klasse erginge es ähnlich – sie würden in ihrer wilden Art unterdrückt. Es würde eine Anpassung erzwungen, die verhindert, dass sich die Kinder von selbst aufeinander einstellen.

 

Wenn ein Narrativ vorherrscht, so haben wir diesem heute zu folgen oder mit Konsequenzen zu rechnen.

In der Kindheit war mir das noch fremd.

 

Eine besonders fiese Gattung waren die Verpetzer, die wir auch heute gut kennen und die Andersdenkende beschimpfen und diffamieren. Das waren sicher die Kinder, denen man in der Pause das Pausenbrot geklaut und die immer ihren Turnbeutel vergessen hatten. Ich kann mir heute lebhaft vorstellen, wenn sie gegen jeden hetzen, der nicht in ihr eingeschränktes Weltbild passt, wie sie als Kind grummelnd mit ihrer Tüte Caprisonne in der Pause allein im Eck standen, während die anderen um sie rumtobten, um dann frustriert zum Lehrer zu rennen. Davon kann nun niemand etwas lernen, außer, wie man es nicht macht.

 

Voneinander lernen kann man nur, wenn man akzeptiert, dass Menschen verschieden sind und denken. Wenn man versteht, dass nicht alle gleich, aber alle gleich viel wert sind.

 

In einer Klasse mit erzwungener Homogenität hätte ich mich nicht wohlgefühlt, ebenso wenig wie in einer solchen Gesellschaft.

 Insofern denke ich gern an meine Kindheit zurück. Die selbstverständliche Freiheit, so zu sein dürfen, wie man ist, hat mir damals Kraft gegeben und ist bis heute ein Ideal, welches ich gewiss nicht aufgeben werde. Ich will eine Gesellschaft, in der jeder seine Meinung sagen kann, dafür demonstrieren darf, ohne diskriminiert zu werden. Die Meinung muss ich gewiss nicht immer teilen, ich will aber die Möglichkeit haben, mir ein umfassendes Bild zu machen.

Die Freiheit, die für mich gilt, hat auch für Andersdenkende zu gelten.


 

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Petra Stettnisch (Mittwoch, 18 August 2021 18:34)

    Danke für diesen tollen Artikel. Ich habe mich an vielen Stellen wiedergefunden. Gemeinschaft funktioniert nur mit Toleranz. Auch wenn ich oft mal der Störer war wußten auch die Streber und die Außenseiter das sie sich im Notfall immer auf meine Loyalität verlassen konnten. Ich denke, genau das ist es was eine Gemeinschaft auszeichnet. Es ist ewig schade was gerade mit den weniger Selbstbewussten in diesem Land, in der Welt passiert.

  • #2

    Hille Mizera-Metz (Mittwoch, 18 August 2021 22:00)

    Einfach super!
    Perfekt geschrieben �

  • #3

    Rilana kieselmamn (Donnerstag, 19 August 2021 13:31)

    Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.Spitzenmässig verfasst.