Im Narrenschiff dank Narrativ

 

Wozu braucht es Narrative? Sie bieten Halt, Struktur und ein Glaubenssystem in einer Zeit, die alle verwirrt. Sie werden mundgerecht geliefert und nicht durch eigenes Erleben oder gedankliche Erkenntnisse gewonnen.

Sozialwissenschaftlich betrachtet, so Wikipedia, ist das bestimmende Element hinter einem Narrativ nicht der Wahrheitsgehalt, sondern ein Bild mit starker Strahlkraft. Diese Narrative bieten Sinn und Identität- gerade heute wichtig, da sich die Welt seit zwei Jahren im Ausnahmezustand befindet.

 

Bei "Erzählungen" denke ich an mit sanfter Stimme vorgetragene Gute-Nacht-Geschichten. Meist wechseln sich diese ja ab, auch in der Moral von der Geschichte. Lese ich einem Kind aber zwei Jahre lang gezielt wieder zum gleichen Thema Märchen vor wie „der arme gute Bettler und der reiche böse König“, so erschaffe ich im Kopf des schläfrigen Kindes ein bestimmtes Bild. (Arm gleich gut und reich gleich böse). Dass der Charakter aber unabhängig ist vom Status und dass es böse Leute gibt, die wenig Geld haben sowie gute Menschen, die vermögend sind und doch Gutes tun, wird dem Kind dabei nicht „erzählt“. So ist zu erwarten, dass es dem Narrativ glaubt, bis es seine eigenen Erfahrungen macht, mit eigenen Augen etwas Anderes sieht, Menschen kennenlernt, die nicht in die vorgegebenen Rollenbilder passen. Dann erlebt es die Realität konträr zu dem, was ihm allabendlich durch verschiedene Märchen „erzählt“ wurde.

 

Während das abendliche Märchen sanft in den Schlaf führt, können nur böse Zungen behaupten, die Medien verfolgten ein ähnliches Ziel.

 

Statt kunst- und stimmungsvollen Märchen von Hans Christian Andersen oder den Gebrüdern Grimm, dröhnen uns heute politisch gewollte Narrative durch die Lautsprecher der Medien entgegen. Zu jedem Bericht gibt es Kommentare, die gleich mitliefern, wie wir das Gesehene/Gehörte zu interpretieren haben. Und das laut und vehement. Berichterstattung heute heißt, man nimmt ein konkretes Ereignis oder einen Sachverhalt und liefert per Experten die gewollte Interpretation gleich mit. Dies erzeugt bei den Lesern und Zuschauern die angestrebte Haltung. Nicht zu vergessen die moralische Belohnung, auf der richtigen Seite zu stehen. Diese ist in einer absichtlich gespaltenen Gesellschaft Anreiz genug, der gebotenen Deutung zu folgen. Ohne zu hinterfragen.

 

Neulich schrieb ich auf Twitter: 

Dass sogenannte Aktivisten, die gegen den Klimawandel protestieren, damit Gutes tun, ist seit "Fridays for Future" ein klares Narrativ, das Fehlverhalten entschuldigt - solange man nur einer guten Sache dient. Viele haben eher Verständnis dafür, wie an den Kommentaren zu sehen war, dass Menschen durch Blockaden mutwillig in ihrem Leben behindert werden als für Spaziergänger, die sich für Demokratie und Freiheit einsetzen und dabei niemanden behindern.

 

Das kann keine Idee sein, die durch normale Denkprozesse entstand. Kein Mensch kann dies ernsthaft so empfinden, der selbständig Dinge beobachtet und sich eine unabhängige Meinung bildet. So meine Meinung. Aber Narrative spenden Identität, wo vorher wenig war. Wer sich seines Wertes, seiner Fähigkeiten und Persönlichkeiten unsicher ist, wird sich am ehesten anschließen, kritiklos zuzustimmen.

 

Was Du glaubst, wird Wirklichkeit. Zumindest im Kopf.

 

In einer Zeit, in der Menschen weltweit gegen die Corona-Politik auf die Straße gehen und auch hierzulande Spaziergänge in beeindruckender Zahl zunehmen, ist die Regierung natürlich alarmiert. Staatstreue Medien nutzen daher ihre Reichweite, um jeden zu diffamieren, der nicht der Angst und Panikmache vor einem Virus anheimfällt und somit blind allen Maßnahmen zustimmt. Besonders Prominente und Politiker, die nicht stramm auf Linie sind, werden wegen ihres Einflusses als Bedrohung empfunden. Sie verschwinden aus den Medien, den Mediatheken und werden buchstäblich niedergeschrieben. Dem Narrativ zu folgen, ist mittlerweile Garant zur Sicherheit der beruflichen Existenz.

 

Welche Wahrnehmung blende ich aus?

 

Erzählt man uns, dass Menschen, die für Grundrechte auf die Straße gehen, geisteskranke Verschwörungstheoretiker oder Nazis sind, merken viele erst, wie absurd dies Framing ist, wenn sie unter den Spaziergängern ihren Zahnarzt, die Kassiererin vom Supermarkt oder ihre Kollegen entdecken. Um Kritik an den Corona-Maßnahmen entgegen zu wirken, wird die Verfälschung der Tatsachen aber bis zum Erbrechen wiederholt. Bei friedlichen, bunten Menschenmassen auf über 1.500 Spaziergängen bundesweit sprechen die Medien gern von ein paar hundert Verschwörungstheoretikern, die Krawall machen. Und viele glauben den Quatsch. Trotz etlichen Videos, die genau das Gegenteil zeigen, und deshalb nicht in den GEZ-Medien landen. Denn das würde das medial gesteuerte Weltbild ins Wanken bringen.

 

Dissonanzen sind anstrengend. Sie bieten nicht die bequeme Klarheit, die wir uns ersehnen.

 

Es entsteht immer mehr die schmerzhafte Erkenntnis, dass Denkmuster, die einfach übernommen wurden, eben nur Erzählungen sind, und die Wirklichkeit womöglich anders aussieht. Für viele ein kaum auszuhaltender innerer Prozess, der sie aggressiv macht. Doch es gilt, sich zu entscheiden: wenn das, was ich sehe und erlebe nicht mit dem übereinstimmt, was mir mundgerecht präsentiert wird, was soll ich dann glauben?

 

Soll ich mir überhaupt eine Meinung bilden, wenn diese vorgegeben wird?

 

Spürt und sieht man, dass etwas nicht stimmt am veröffentlichten Narrativ, ist man schnell in der Opposition, wird beschimpft von jenen, die sich entschlossen haben, ihre Augen und Sinne zu verschließen und dem eigenen Blick zu misstrauen – das erfolgreiche Ergebnis jahrelanger, sorgsam einseitiger Berichterstattung. Welche die Lebenswirklichkeit der Menschen längst nicht mehr abbildet.

 

Das Narrativ im Narrenschiff

 

Wir kennen alle den Film "Titanic", wo die Passagiere mit ihrem Glas Sekt noch bei der Band stehen, als der Eisberg schon gerammt ist. Der Kapitän mit seinen Genossen, weil sie wissen, dass die Titanic untergehen wird und man nun eh nicht mehr zurückkann. Die Gläubigen des Narrativs bleiben im Salon, weil die Band spielt und es dort kuscheliger ist als in den Rettungsbooten, die überfüllt sind mit Querdenkern –klingt verquer-, Selbstdenkern -klingt subversiv-  und ein paar Verschwörungsfuzzis.

Solange die Band noch spielt, wird mit geschunkelt. Die Rettungsboote füllen sich jedoch mit Menschen jeden sozialen Backgrounds und Alters. Sie brauchen kein Narrativ, denn sie trauen ihrer Wahrnehmung.

 

Die Tarotkarte „Der Narr“ ist jedoch keine negative Karte, die den, der sie zieht, als Narren entlarvt. Sie steht für einen kindlich-naiven und daher unbefangenen Neubeginn. Wir alle haben die Chance, Glaubensmuster zu hinterfragen, jeden Tag, jederzeit. Immer mehr Menschen tun genau dies. Und das macht Hoffnung.

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